Zeitungsbericht aus der FAZ

Urlaubsfotos und selbstverfaßte Lyrik

01. August 2004
Ein schneller Händedruck, der rasche Austausch von Visitenkarten - so haben Menschen im vordigitalen Zeitalter Bekanntschaft geschlossen. Aber das war einmal. Im 21.Jahrhundert lautet das Motto eher: "Zeige mir deine Homepage, und ich sage dir, wer du bist." Die persönliche Internetseite als interaktive Visitenkarte im Netz - von derzeit rund 33 bis 35 Millionen Internetnutzern in Deutschland besitzen nach den Worten von Jutta Croll, Geschäftsführerin der Stiftung Digitale Chancen, etwa fünf bis zehn Prozent eine eigene Homepage oder haben eine sogenannte Domain, also eine reservierte Internetadresse. Allein für Frankfurt führt das Internetportal www.meinestadt.de 152 Einträge für private Homepages auf. Laut "Denic", der zentralen Registrierungsstelle für alle Domains mit der Endung .de, war Frankfurt noch Ende 2002 unter den zehn deutschen Städten mit den meisten registrierten Internetadressen je Einwohner - sowohl private als auch kommerzielle. Auf tausend Einwohner kamen in Frankfurt etwa 165 Internetadressen.

Antje Schrupp hat ihre private Homepage schon vor längerer Zeit eingerichtet. Die Journalistin und Politologin, die sich vor allem mit dem Feminismus und der Frauenbewegung beschäftigt, benutzt ihre Seite www.antjeschrupp.de, auf der zahlreiche ihrer Artikel veröffentlicht sind, vor allem als Kontaktforum: "Meine Homepage hat mir geholfen, Forschungskontakte aufzubauen, deutschlandweit, aber auch ins Ausland", sagt die Neununddreißigjährige. "Mindestens die Hälfte aller Anfragen zu meinen Veröffentlichungen werden mittlerweile über meine Internetseite generiert."

Auch für Uwe Heiermann(40), der auf seiner Internetseite www.heiermann.de eine mathematische Formelsammlung und Wissenswertes zum Thema Planeten zusammengestellt hat, ist die eigene Homepage "mehr als nur ein Telefonbucheintrag". Neben einem ausführlichen Lebenslauf finden sich auf Heiermanns Seite zahlreiche Fotos, unter anderem von seiner Wohnung und seinem Auto. Angst um seine Privatsphäre hat der Projektingenieur bei Siemens dabei nicht. Im Gegenteil: Dank seiner Homepage habe er den Kontakt zu vielen alten Bekannten, die er schon aus den Augen verloren hatte, wiederherstellen können, berichtet er.

Sich selbst präsentieren, ein Stück der eigenen Welt im digitalen Fotoalbum öffentlich zugänglich machen - das scheint ein wichtiges Motiv für das Betreiben einer eigenen Homepage zu sein. Aufnahmen von Familienfeiern, Geburtstagen, Hochzeiten bis hin zu ganzen Bilderserien über den Urlaub im Schwarzwald oder an der See sind dort zu finden. Nach einer aktuellen Studie der Chemnitzer Forschergruppe "Neue Medien im Alltag" der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die knapp 300 Homepage-Betreiber nach Intentionen und Persönlichkeitsmerkmalen analysiert hat, sind diese Menschen jedoch nicht unbedingt Selbstdarsteller. Vielmehr seien Menschen mit eigener Homepage meist introvertierter als andere und nutzten den Internetauftritt als Ersatz für direkte Kontakte, heißt es in der Studie.

In der großen Mehrzahl sind die Homepage-Bastler männlich. Nur 13 Prozent der in der Chemnitzer Studie Befragten waren Frauen. Ob diese ungleiche Verteilung mit der von Frauen möglicherweise als Barriere empfundenen Technik zusammenhängt, ist nicht klar. Schließlich gibt es heute zahlreiche Software-Hilfen, die das Programmieren vereinfachen oder sogar ganz übernehmen.

Im öffentlichen und offenen Medium Internet ist vieles möglich, aber nicht alles erlaubt: Auch vor der Publikation von eigenen Texten oder selbstverfaßter Lyrik sollte die Frage des Copyright unbedingt geklärt sein. Jede Homepage unterliege grundsätzlich der Impressumspflicht, hebt Jutta Croll von der Stiftung Digitale Chancen hervor. Es sei ratsam, das Impressum auch mit einem Copyright-Vermerk zu versehen und so die Inhalte vor ungewollter Vervielfältigung und Mißbrauch zu schützen. "Wenn man private Bilder von seinen Kindern im Planschbecken auf der Seite hat, möchte man die natürlich nicht plötzlich auf ganz anderen Seiten wiederfinden."

Lehrreich wie Uwe Heiermanns kleine Exkurse in den Weltraum oder informativ wie Antje Schrupps Texte über Erfolg als Frau sollen die meisten anderen Homepages gar nicht sein. Auf vielen Frankfurter Privatseiten ist auch Ungewöhnliches und Skurriles zu entdecken: Unter www.drachenhorst.de werden dem Besucher beispielsweise mittelalterliche, geklöppelte Hauben zum Verkauf angeboten, und auf www.absence-of-fear.de hat ein U-Bahn-Begeisterter Aufnahmen von U-Bahn-Stationen zusammengestellt - von Bielefeld bis Singapur. Der Autor von www.viva-la-media.de gibt seinen Besuchern dagegen einen kritischen Überblick über aktuelle Film-, Fernseh- und CD-Produktionen, und auf www.hand-model.de preist jemand seine Hände für Werbeaufnahmen an und präsentiert seine Referenzliste.

Ob Mittelalter oder Universum, zeitaufwendig ist der Unterhalt einer Homepage auf jeden Fall. Deshalb, so sagt Uwe Heiermann, sehe er seine Seite auch als eine Art modernes Hobby: "Wenn andere ihre Modelleisenbahn aufbauen, bastel ich an meinem Internetauftritt herum."

SANDRA FREYBERG


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